24.07.2019rss_feed

Abschluss des Thüringer Pilotprojektes zum Schwanzkupieren fand große Resonanz

Mehr als 100 Interessierte fanden sich am 4. Juli zur öffentlichen Abschlussveranstaltung des Thüringer Pilotprojektes zum Schwanzkupieren im Erfurter Gasthof Hubertus ein. Melanie Große Vorspohl, Initiator und Vertreterin der Projektgruppe aus achtzehn Schweine haltenden Betrieben und Partnern aus Beratung und Wissenschaft, eröffnete die Veranstaltung und beschrieb zu Beginn, was die Thüringer Mitte 2015 dazu bewogen hat, sich diesem Thema zu widmen: Es war die Forderung der Veterinärbehörden an die Thüringer Ferkelerzeuger, ab sofort die Schwänze der Ferkel nur noch um maximal ein Drittel zu kupieren. Schnell wurde deutlich: Das ist so ohne weiteres nicht umsetzbar, denn Schweine mit längeren Schwänzen haben ein höheres Risiko, dass Schwanzverletzungen während der Aufzucht und Mast entstehen. Es schien der einzige Weg für Thüringer Ferkelerzeuger zu sein, diesen Weg zu gehen, denn die erzeugten Ferkel waren nicht vermarktungsfähig.

So zollte Professor Friedhelm Jaeger, angereist aus dem nordrhein-westfälischen Düsseldorf und dort bis vor kurzem für den Tierschutz im Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MKULNV) zuständig, den beteiligten Betrieben ausdrücklich Respekt Das was Sie initiert haben, ist nicht alltäglich. Der Fachmann, der in NRW mit dem Rheinischer Landwirtschafts-Verband (RLV) und dem Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband (WLV) mit der Gemeinsame NRW-Erklärung zum Verzicht auf das routinemäßige Kürzen des Schwanzes bei Schweinen bereits ab 2014 ein ähnliches Projekt auf den Weg gebracht hat, weiß um die Problematik bestens Bescheid. Nach der Arbeit in drei Phasen erreichte keiner der beteiligten Betriebe das hohe Ziel, dass mindestens 95% der unkupiert aufgestallten Schweine bis zum Mastende ihren unversehrten Schwanz behielten. Dennoch: Inzwischen steht die Herausforderung zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplanes, auf den der Experte einging, vor jedem Schweinehalter: Nachzuweisen, dass es unerlässlich ist, die Schwänze zu kupieren und zugleich die eigenen Haltungsbedingungen und alle Risikofaktoren so zu durchdringen, dass es schrittweise möglich wird, auf diese Maßnahme zu verzichten.

Professor Gerald Reiner, der schon zur Auftaktveranstaltung des Projektes auf die Stoffwechselbeteiligung bei der Entstehung von Schwanz- und Ohrrandnekrosen verwies, nahm jeden der Anwesenden mit auf seiner Fachreise ins Reich von SINS, dem Stoffwechsel- und Nekrosesyndrom beim Schwein, das inzwischen in der Fachwelt anerkannt ist. Wer sich intensiv mit Schweinen beschäftigt kennt das offensichtliche Phänomen, dass es noch etwas gibt, was wir viel intensiver auf dem Weg zum Kupierverzicht berücksichtigen müssen: Denn es gibt verletzte Schwänze ohne das Zutun anderer Schweine! Es gibt kein Haltungssystem, das einen hundertprozentigen unversehrten Schwanz garantiert, aber alles nur auf das Beißen zu reduzieren ist zu einfach, diese Botschaft von Prof. Reiner macht deutlich, dass es noch sehr viele Aufgaben gibt, die zu bewältigen sind. Bettina Karl, Fachredakteurin der Bauernzeitung hat den Fachbeitrag von Prof. Reiner vorzüglich in der Ausgabe 29 der Bauernzeitung unter dem Titel Ursachen für Schwanzbeißen sind viel komplexer zusammengefasst.

In der zweiten Hälfte des Fachgespräches stellten einige Vertreter der Kooperation ihre Erfahrungen dar. Monique van Asten vertrat die Van Asten Group, die mit drei Betrieben am Projekt beteiligt war und in einem ihrer Unternehmen auch erste Erfahrungen mit einer Gruppe unkupierter Zuchttiere sammeln konnte. Wir würden gern aufhören zu kupieren, doch die zu beobachtenden rund 10% vorkommenden Nekrosen an den Schwänzen zeigen uns, dass wir ständig auf dem Pulverfass sitzen und das Leiden unserer Tiere bei Ausbrüchen von Schwanzbeißen in solchen Fällen viel größer sind als das noch notwendige Kupieren der Schwänze. In ähnlicher Weise berichtete Marko Hesse, Geschäftsführer der Agrargesellschaft Neunheilingen über seineErfahrungen mit  sieben Gruppen unkupierter Tiere. Trotz bester Betreuung, zusätzlichem und ständig wechselndem Beschäftigungsmaterial, erhöhtem Platzangebot, offenen Tränken und Raufutterangebot beschreibt er das Risiko, dass sich nekrotische Schwänze massiv entzünden können und zu erhöhten Ausfällen führen, als sehr hoch. Trotzdem hat sich seine Mannschaft daran gewagt, eine ganze Absetzgrupppe mit über 600 Ferkeln unkupiert aufzuziehen, weil der Mäster Langschwänze bestellt hat. Leider weiss man immer erst hinterher, ob es funktioniert, so das Resümè, aber auch die Einschätzung, wir haben viel gelernt in den drei Jahren.

Melanie Große Vorspohl von der Poels Gruppe, am Projekt mit drei Betrieben beteiligt, beschrieb den Besuch von Mirjam Lechner und Dr. Anja Eisenack als Schlüsselerlebnis, denn wir haben gesehen, was an den Saugferkeln schon alles nicht in Ordnung war. Nach ihrern Erfahrungen, die auch daher rühren, dass sie seit Anfang vorigen Jahres ständig kleine Gruppen unkupierter Tiere aufzieht und mästet, ist der intakte Langschwanz der Indikator für eine fitte Herde. Sie hat mit ihren Mitarbeitern ein eigenes System entwickelt, wonach schon bei der Entscheidung, ob der Schwanz des Wurfes nicht kupiert wird, nach ganz bestimmten Prämissen vorgegangen wird: Nur Würfe von gesunden Sauen ohne MMA-Probleme, bei denen die Ferkel keinen Saugeferkeldurchfall und auch keine Behandlungen hatten, werden als Langschwanz belassen. In der Aufzucht wird auf eine geringere Besatzdichte und ausreichende Rohfaser großen Wert gelegt und auch die Tierbeobachtung durch die gut geschulten Mitarbeiter ist noch intensiver als üblich. Dennoch können wir nicht zaubern und kennen unsere Schwachpunkte, doch wir arbeiten gemeinsam dran. Und wir haben erlebt, dass für jede Herde eine eigene Dynamik besteht, d.h. das, was in dem einen Betrieb funktioniert, kann im anderen ganz anders sein.

Dass nicht alle Unternehmensgruppen es schafften, sich innerhalb der drei Jahre auch tatsächlich auf den Weg machen zu können, zeigten die Ausführungen von Brigitte Neues, Qnetics. Sie gehörte zu dem Beraterteam, die die Betriebe in Zusammenarbeit mit dem TLLLR auf dem Weg begleitete. Welche Maßnahmen unter Umständen nötig sind und wie wichtig die Zusammenarbeit mit dem bestandsbetreuenden Tierarzt, dem Futtermittellieferanten, dem Stallklimaberater  und den eigenen Mitarbeitern ist, zeigte sie das Beispiel eines südthüringer Betriebes. Es war ein erfolgreicher Weg, denn inzwischen kann der Betrieb Schweinen aufziehen und mästen, deren Schwänze um nur ein Drittel kupiert wurden.

Dr. Sabine Eger resümierte die Ergebnisse aus Sicht des Schweinegesundheitsdienstes, der als Partner der Kooperation fungierte: Der Erregerstatus (SPF-Status) des Betriebes kann Vorteile bewirken, ist jedoch von untergeordneter Bedeutung, so ihre fachliche Einschätzung.  Dennoch ist eine gute und vor allem stabile Tiergesundheit eine wichtige Vorraussetzung für das Nichtkupieren der Schwänze, darunter versteht die Expertin ein immunologisches Gleichgewicht der Herde. Dass der Weg nicht einfach ist, machte die abschließende Einschätzung deutlich: Für Langschwänze sind grundlegende komplexe Veränderungen notwendig!.

Die wichtigsten Erfahrungen aus den Risikoanalysen bezüglich Tiergesundheit, Futter, Wasser, Stallklima fasste Dr. Simone Müller, TLLLR abschließend zusammen. Diese sind im Abschlussbericht veröffentlicht. Sieben der vierzehn Unternehmensgruppen haben nach einer über zwei-jährigen Vorbereitungszeit die Haltung unkupierter Tiere mit kleinen Gruppen, z. T. in bis zu sieben Wiederholungen, erprobt. Einer der Projektbetriebe kupiert inzwischen über ein Jahr die Schwänze seiner Ferkel nicht mehr. Ein weiterer Betrieb kann aufgrund der sich langsam entwickelnden Nachfrage von kleinen Gruppen unkupierter Tiere diese an Mäster verkaufen.  Die Ergebnisse der Betriebserprobungen variieren stark zwischen den Betrieben. Bezogen auf die Gesamtstichprobe wiesen am Ende der Aufzucht 20% der Tiere bzw. 31,3 % der Tiere am Ende der Mast keinen intakten Schwanz mehr auf. Es wird ein langer und schwerer Weg und die Risikoanalyse muss alle Stufen der Schweinehaltung umfassen. Wir brauchen mehr Wissen, um Nekrosen (SINS) in Aufzucht und Mast zu vermeiden und noch mehr Kenntnisse über Mykotoxine, gab die Referentin zum Abschluss allen Anwesenden mit auf dem Weg.

 

(Das Thüringer Beratungs-und Managementsystem Caudophagie (Pilotprojekt) wurde im Rahmen der Förderrichtlinie Förderung der Zusammenarbeit in der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (LFE) durch das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft" gefördert.)